Finanzmarktinfrastrukturen stehen vor einem Paradigmenwechsel. Während unrentable Layer-2-Netzwerke und spekulative Krypto-Plattformen sukzessive abgeschaltet werden, etablieren Zentralbanken und regulierte Handelsplätze institutionelle Standards für atomare Abwicklungen. Im Fokus steht die Integration von Wholesale-Zentralbankgeld in Distributed-Ledger-Technologien (DLT) – ein Vorstoß, den die Europäische Zentralbank (EZB) mit den Projekten Pontes und Appia konkretisiert. Parallel dazu konsolidiert die EU-Regulierung tokenisierte Kapitalmärkte, etwa über das DLT-Pilot-Regime, während zahlreiche Krypto-Infrastrukturen wegen fehlender Wirtschaftlichkeit schließen.
EZB prüft drei Modelle für Wholesale-Zentralbankgeld auf DLT
Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums, präsentierte auf der Konferenz der Bank of England drei mögliche Architekturen für die Abwicklung von Zentralbankgeld auf einer Blockchain-Infrastruktur:
- Modell 1: Direkt tokenisierte Zentralbankreserven auf einer programmierbaren Plattform. Banken könnten das Geld innerhalb einer DLT-Umgebung nutzen, ohne ein separates Abwicklungssystem zu benötigen.
- Modell 2: Verbindung der bestehenden Echtzeit-Abwicklung (TARGET) mit DLT-Plattformen. Die Reserven bleiben un-tokenisiert, das Settlement erfolgt jedoch über eine Brücke zum aktuellen System.
- Modell 3: Private Abwicklungstoken, die vollständig durch Zentralbankreserven gedeckt sind, jedoch keinen direkten Rechtsanspruch gegenüber der EZB, sondern gegenüber dem jeweiligen Emittenten begründen.
Das dritte Modell birgt spezifische Risiken: Emittenten- und Kreditrisiken, weil private Token lediglich Forderungen gegen den Herausgeber darstellen. Bei einer Schieflage privater Intermediäre könnte die Parität zum Zentralbankgeld verloren gehen (Run-Risiko).
Pontes – Brückenlösung für sofortige Interoperabilität
Die Brückenlösung Pontes startete am 21. September 2026 und verbindet DLT-Plattformen mit den bestehenden TARGET-Diensten des Eurosystems. Damit bleibt das rechtliche Settlement im etablierten System, während die technische Abwicklung über verteilte Ledger erfolgt.
Wesentliche Eckdaten:
- Erprobungsphase von Mai bis November 2024.
- 64 Finanzmarktakteure aus Zentralbanken, Finanzinstituten und DLT-Betreibern nahmen am EZB-DLT-Erprobungsprogramm teil.
- Mehr als 50 praktische Transaktionstests wurden im Jahr 2024 durchgeführt.
Pontes dient als kurzfristige Brücke, um die Interoperabilität zu testen, bevor ein langfristiger Ansatz wie Appia umgesetzt wird.
Appia – Langfristige Blaupause für einen einheitlichen europäischen Markt
Das Projekt Appia hat das Ziel, bis 2028 eine umfassende Blaupause für eine europäische Wholesale-Infrastruktur zu liefern. Die Initiative soll entweder vernetzte Ledger oder ein einheitliches „Unified Ledger“ etablieren, das native tokenisierte Reserven bereitstellt.
Wichtige Meilensteine:
- 2025/2026: Veröffentlichung von Leitlinien und Architekturstandards für einheitliche Token-Ökosysteme.
- 2028: Abschlussbericht und Marktstandards, die als Referenz für die gesamte EU dienen.
Appia legt damit das Fundament für einen europäischen Markt, in dem tokenisierte Vermögenswerte sicher und atomar abgewickelt werden können.
Regulatorische Verankerung der 21X AG im EU DLT-Pilot-Regime
Die 21X AG operiert als reguliertes Handels- und Abwicklungssystem für tokenisierte Wertpapiere unter der Verordnung (EU) 2022/858 – dem DLT-Pilot-Regime. Dieses Regime ermöglicht erstmals eine Ausnahme von der traditionellen Trennung zwischen multilateralen Handelssystemen (MTF) und Zentralverwahrern (CSD) unter strenger Aufsicht von BaFin und ESMA.
- Regulatorischer Status: Erste Genehmigung als DLT-TSS in der EU (2024/2025), erteilt durch die BaFin und notifiziert bei der ESMA.
- Funktion: Atomarer Handel, Emission und Settlement tokenisierter Aktien, Anleihen und Fonds ohne Gegenparteirisiko.
- Relevanz für Deutschland: Sitz in Frankfurt, BaFin-Aufsicht, damit direkte Bedeutung für deutsche Anleger.
Die 21X-Plattform demonstriert, wie regulierte DLT-Infrastrukturen reale Marktbedürfnisse bedienen können – zum Beispiel durch den Handel von tokenisierten Wertpapieren auf der Arc-Blockchain in weniger als einer Sekunde gegen USDC.
Gegenüberstellung zu scheiternden Krypto-Infrastrukturen
Während institutionelle Initiativen an Stabilität und regulatorischer Klarheit gewinnen, zeigen mehrere Krypto-Projekte die Folgen wirtschaftlicher Untragbarkeit:
- Blast (Ethereum-Layer-2): Betriebseinstellung wegen fehlender Einnahmen und sinkender Total-Value-Locked. Nutzer können bis 26. Oktober über die reguläre Oberfläche abheben, danach nur noch über die Bridge.
- Zero Network: Schließung nach rund 18 Monaten Laufzeit.
- Silicon Network: Keine Einzahlungen mehr seit 2. September 2026; Abhebungen bis 31. Dezember 2026 möglich.
- CoinEx: Geplante Schließung am 22. Dezember 2026.
Gemeinsame Ursachen sind das Fehlen nachhaltiger Geschäftsmodelle, übermäßige Nutzeranreize (Airdrop-Farming) und das Unvermögen, reale Transaktionsbedarfe zu decken. Im Gegensatz dazu basieren Projekte wie 21X oder die EZB-Initiativen auf gesetzlich gesicherten Geldwerten und klaren regulatorischen Rahmenbedingungen.
Risiken der Fragmentierung im DLT-Pilot-Regime
Obwohl das DLT-Pilot-Regime neue Möglichkeiten eröffnet, birgt es das Risiko einer Zersplitterung der Sekundärmarktliquidität. Da DLT-TSS-Plattformen Volumen- und Emittentenbegrenzungen unterliegen, könnten Handelsvolumina über viele getrennte DLT-Sil-os verteilt werden, solange keine netzwerkübergreifende Interoperabilität besteht.
FAQ – Häufige Fragen zum Thema Wholesale-Zentralbankgeld auf DLT
Was unterscheidet Wholesale-Zentralbankgeld auf DLT vom digitalen Retail-Euro?
Wholesale-Zentralbankgeld richtet sich ausschließlich an beaufsichtigte Finanzinstitute für die finale Abwicklung von Großbetragszahlungen, Interbankkrediten und Wertpapiertransaktionen. Der Retail-Euro ist ein gesetzliches Zahlungsmittel für Endverbraucher im alltäglichen Zahlungsverkehr.
Warum beendet die Layer-2-Blockchain Blast ihren Betrieb, während institutionelle Systeme expandieren?
Blast basierte primär auf spekulativen Nutzeranreizen (Airdrop-Farming) und Yield-Mechanismen über Third-Party-Staking. Nach dem Abflauen der Anreize brachen Gebühreneinnahmen und Total-Value-Locked ein. Regulierte Plattformen wie 21X decken hingegen reale Transaktionsbedürfnisse traditioneller Kapitalmarktteilnehmer im Rahmen fester gesetzlicher Schutzmechanismen ab.
Fazit
Die EZB positioniert sich mit den Projekten Pontes und Appia als Treiber einer neuen Generation von Wholesale-Zentralbankgeld-Lösungen auf Distributed-Ledger-Technologien. Durch eine zweigleisige Strategie – kurzfristige Brückenlösung und langfristige Markt-Blaupause – werden technische Machbarkeit und regulatorische Sicherheit zugleich adressiert. Die regulatorische Verankerung von 21X als erstes DLT-TSS in der EU zeigt, dass tokenisierte Kapitalmärkte bereits unter Aufsicht von BaFin und ESMA operieren können.
Im Kontrast dazu verdeutlichen die Schließungen von Blast, Zero Network, Silicon Network und CoinEx, dass reine technische Innovation ohne tragfähiges Geschäftsmodell und ohne klare regulatorische Einbindung nicht dauerhaft bestehen kann. Die Kombination aus institutionellem Geld, klaren rechtlichen Rahmenbedingungen und interoperablen DLT-Architekturen bildet somit den Kern einer stabilen, liquiden und risikogeringen Zukunft für tokenisierte Finanzmärkte.







